Pressestimmen
 | Berliner Woche - November 2011 |
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Neues Deutschland 13.09.2007
Das »letzte Hemd« aus Kassenbons
Die Galerie im Saalbau Neukölln ist momentan ein Haus der alten Talente mit vielen Ideen
Von Tom Mustroph
Während die Avantgardekunst im Podewils’schen Palais nach Plänen der Kulturverwaltung der kulturellen Bildung weichen muss und somit wieder eine Art Haus der jungen Talente in der Klosterstraße entsteht, ist die Galerie im Saalbau Neukölln derzeit ein Haus der spät entdeckten Talente.
Die Ausstellung »Sehwege« zeigt die Ergebnisse aus der zehnjährigen Kurspraxis des Seniorenkulturvereins »Dritter Frühling«. Der 1997 in Zusammenarbeit mit der damaligen Hochschule der Künste gegründete Verein bietet Menschen ab 50 künstlerische Betätigung in Kunst-, Design- und Theaterkursen sowie in einer Schreibwerkstatt an.
Die Themen gehen zum Teil auf die unmittelbare Umgebung ein, wie etwa ein Fotoprojekt im Kiez, widmen sich vor allem jedoch meist spielerisch dem Prozess des Alterns und dem Reichtum der Lebenserfahrung. Im Projekt »Jungbrunnen« füllten die Kursteilnehmer etwa Flaschen mit womöglich das Alter vertreibendem Zauberwasser. Durch die Flasche sind auf der Rückseite des Etiketts junge Gesichter zu sehen. Sie muten wie ein durch das Wasser zurückgeworfenes Spiegelbild an. Verjüngende Wirkung hat auch ein Fotoshop-Kurs, in dessen Verlauf die Teilnehmerinnen nach einem Besuch der Alten Nationalgalerie ihre Porträts mit Hilfe des Bildbearbeitungsprogramms in dort präsentierte Gemälde einfügten. Das Theaterprojekt »Tiefe Spuren – Kriegsflüchtlinge 1945-2005« griff die einschneidenden Erfahrungen von Flucht und Vertreibung auf. Frauen mit Koffern und Taschen sind auf Probenfotos zu sehen.
Großen Einfluss hat aber auch die Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen gesellschaftlichen Realität. Im Projekt »Kaufrausch« bearbeitete man die Konsum suggerierende Gesellschaft. Ein »letztes Hemd« aus Karstadt-Kassenbons oder eine Rieseneinkaufstüte sind die Resultate.
Gegenwärtig wird im »Theater der Erfahrungen« eine »Senioren-Schnäppchen-Show« erarbeitet. Die satirische Revue geht von der nicht allzu fernen schwarzen Utopie aus, dass im Programm »Hartz IX« wegen Arbeitskräftemangels alte Menschen als Billigstarbeitskräfte wieder dem Markt zugeführt werden sollen.
Bis 30.9., Di.-So. 10- 20 Uhr, Karl-Marx-Str. 141, Neukölln. Diverse Kurse sowie ein Symposium über Kultur des Alterns am 20.9., 11-17 Uhr, Tel.: 68 09 77 72, www.kultur-neukoelln.de/galsaalbau
Im Schöpfungsrausch
Beim Verein "dritter frühling" können ältere Menschen kreativ sein und ihre Talente entdecken
Von Bernd Schüler
Ein Plätschern unterbricht die andächtige Stille im Raum. Fünf Frauen zwischen 53 und 83 Jahren sind ganz darin versunken, eine feuchte Papierschicht mit Blättern zu verzieren. Nur Margit Loeb-Ullmann zieht gerade ein Sieb durch einen großen Bottich. Dann schlägt sie die geschöpften Fasern auf einer Unterlage ab - und lächelt entspannt. "Wenn ich nicht kreativ sein könnte", sagt die 83jährige Goldschmiedemeisterin, "dann würde ich eingehen."
Die Damen befinden sich im "Schöpfungsrausch". So jedenfalls ist der Papierworkshop überschrieben, den der Verein "dritter frühling" organisiert hat. Der Name ist Programm: Seit 2002 bietet der Neuköllner Verein Veranstaltungen für ältere Menschen an, die eigene gestalterische Fähigkeiten entdecken oder ausleben wollen. Und das mit allen Mitteln, derer sich Kunstschaffende bedienen, sei es Fotografie, Malerei oder Theaterspiel. Vorkenntnisse sind keine verlangt, jeder soll sich ausprobieren können. Unter den jährlich 25 Seminaren finden sich klassische Themen wie Stilleben. Aber auch Abseitiges wie ein Kurs über Sprichwörter oder eine Exkursion in die Berliner Shoppingcenter und ihre funkelnden Konsumwelten.
"Mit Volkshochschulkursen kann man unser Angebot schlecht vergleichen", sagt Sabine Schuberth, die Leiterin des Papierworkshops. Wie die anderen professionellen Künstlerinnen, die die Kurse durchführen, ist sie als Kulturpädagogin ausgebildet. Hoch ist der Anspruch, die Teilnehmerinnen über unterschiedliche Zugänge an die Themen heranzuführen. Egal, ob es um Porträts, Abgüsse oder Typographien geht - immer sollen die Annäherungen durch Gespräche, Spiele und historische oder naturwissenschaftliche Erläuterungen erfolgen. So lernten die Damen heute die Geschichte der Papiermanufakturen kennen. Oder auch Fachbegriffe des Papierschöpfens. "Die Bottiche heißen Bütten", erklärt eine gelernte Apothekerin, die alles mitgeschrieben hat.
Die geschäftige Atmosphäre in dem Werkraum bestätigt all jene, die auf die Potentiale des Alters hinweisen. Daß alle Kräfte verlorengingen, so der Tenor, sei vor allem ein hinderliches Vorurteil. Elke Müller, die Vorsitzende des "dritten frühlings", weiß das längst: "Wir hatten schon so viele Teilnehmer, die völlig überrascht waren, was bei ihrer Arbeit alles herauskommt", berichtet die 53jährige Fotografin. Erfahrungen, die im Alltag zu neuen Beschäftigungen inspirieren. Und die zu neuen gemeinsamen Aktivitäten animieren, denn manches Mal bilden sich untereinander Freundschaften. Die Papierschöpferinnen dagegen heben eine andere Wirkung des kreativen Schaffens hervor: "Wer geistig aktiv ist, beschäftigt sich nicht so viel mit den Zipperleins", heißt es. Die Krankenkassen könnten sich freuen.
Über mangelnden Zuspruch kann sich Elke Müller nicht beklagen. Die Kurse mit jeweils 10 bis 15 Teilnehmern seien stets ausgebucht. Probleme macht eher die Finanzierung: Zwar wird der Verein unterstützt, etwa vom Kulturamt Neukölln, das bereits seit 1997 ähnliche Kurse für Ältere anbietet. Doch die Mittel fließen spärlicher als früher. Mit der Folge, daß nicht mehr alles umsonst ist. "Manche können sich die 10 bis 20 Euro Gebühr kaum leisten", so Frau Schuberth.
Dabei sollen ja die verschiedensten Kreise zusammengeführt werden. Hausfrauen werkeln gemeinsam mit Lehrerinnen, Bibliothekarinnen mit Schneiderinnen. Männer sind eher eine Seltenheit. Schade eigentlich. Elke Müller berichtet von einer Anfrage, ob man in den Kursen auch Männer kennenlernen könnte. Kreativität kennt eben keine Grenzen.
Liebe Leser, Sie bekommen mehr Informationen und auch das Programm über das Vereinsbüro an der Karl-Marx-Str. 131, 12034 Berlin, Tel.: 61 20 34 32 oder im Internet unter www.dritter-fruehling.de
Aus der Berliner Morgenpost vom 21. Januar 2006
Wenn ich noch mal jung wär...
Dritter Frühling erkundet nachfolgende Generationen
Mode und Musik sind die stärksten Ausdruckmittel junger Frauen. Sie zeugen von ihrem Lebensgefühl, ihren Gruppenzugehörigkeiten, ihrer Abgrenzung von den Älteren.
Das ist heute nicht anders als vor 40 Jahren. Zwar entwickelt jede Generation ihren eigenen Stil, aber schon die immer zahlreicher werdenden Revivals zeugen von spannenden Verbindungen. Welche Inhalte transportieren Miniröcke damals und heute? Wie hat sich das Verhältnis der Generationen zueinander verändert?
Das Werkstattseminar will den Dialog um Mode und Musik zwischen Alt und Jung herstellen. In einem ersten Schritt entwirft eine Gruppe älterer Teilnehmerinnen (zwischen 50 und 70 Jahren) Szenen zu biografischen Jugenderinnerungen. Sie entwickeln passende Ausdrucksformen, die ihre Erinnerungen für heutige Mädchen in Bild, Text und Bewegung sinnlich erfahrbar machen. Parallel dazu bekamen jugendliche Teilnehmerinnen die Aufgabe, ihr Leben in 50 Jahren künstlerisch darzustellen. In einem späteren Schritt wird der Kontakt zwischen den Generationen aufgebaut.
Erarbeitet wird eine gemeinsame virtuelle Präsentation im Internet. Sie bildet auch die
Kulisse einer Live-Performance, in der Mädchen und Frauen die Rolle tauschen. Fiktive
Vergangenheit, fiktive Zukunft, Geschichte und Fantasie.
Für die Werkstatt 1 (für Frauen) „Zwischen Petticoat und Minirock“ am 17./18./24. Oktober 2005, jeweils 10 bis 15 Uhr in der Alten Dorfschule Rudow, Alt-Rudow 60, werden noch Teilnehmerinnen gesucht.
Info und Anmeldung: dritter frühling e.V., Tel.: 61 20 34 32
eMail: dritter-fruehling@t-online.de
Medium:
Neuköllner-Rathausnachrichten 10-2005, Seite 8
Der Tagesspiegel, 14.09.2005
Mit Pinsel und Palette Im "Dritten Frühling" entdecken Senioren verborgene Talente
Ihre Verbündeten gegen die Langeweile sind Pinsel und Palette, Textbuch und Stimmgabel, manchmal auch Laptop und Digitalkamera. Elke Kriesel kann sich kaum noch an das Gefühl erinnern, das so manchen Senioren schlaflose Nächte bereitet: Was tun mit der vielen freien Zeit im Rentenalter? Wäre die lebenslustige Rentnerin vor Jahren nicht zufällig auf ein Flugblatt des Neuköllner Vereins "Dritter Frühling" gestoßen, würde vielleicht auch sie noch rätseln. Doch der erste Malkurs, den die Mutter von vier Kindern und frühere Arzthelferin besuchte, war ein voller Erfolg. Seitdem ist Elke Kriesel ein großer Fan der vom Verein organisierten Workshops und hat bereits mehr als ein halbes Dutzend Kurse besucht.
Mit Seminaren über Fotografie, Malerei, Theater oder auch Führungen durch den Comenius-Garten oder Berliner Ateliers hat sich der 2002 gegründete Neuköllner Verein "Dritter Frühling" viele Freunde unter den älteren Berlinern gemacht. 350 Interessierte stehen bereits im Verteiler und monatlich werden es mehr, so die Organisatorin Elke Müller. Die Mundpropaganda funktioniert ganz gut: "Mittlerweile kommen die Teilnehmer nicht nur aus Berlin, sondern auch aus Brandenburg zu uns." Im Unterschied zu vielen anderen Veranstaltern setzt der "Dritte Frühling" auf Kreativität und Eigeninitiative. Frontalunterricht etwa oder nachgespielte Theaterstücke gibt es nicht. Stattdessen entwickeln sie beispielsweise die Dialoge der Stücke selbst und nähen gleich noch die Kostüme dazu, entdecken den Computer für sich, machen Schnappschüsse mit der Digitalkamera, scannen Fotos und fertigen daraus Postkarten, die sie an Freunde und Verwandte verschicken. Elke Müller nennt das "ältere Menschen auf andere Pfade bringen".
Die fühlen sich auf dem neuen Terrain offensichtlich wohl. "Absolutes Neuland" sei der Einstieg beim "Dritten Frühling" für sie gewesen, sagt Elke Kriesel. Das Selbstvertrauen werde gestärkt, und ganz nebenbei blühen hier und da unter den Teilnehmern neue Freundschaften. "Ich denke", sagt Elke Kriesel, "man lernt hier fürs Leben."
dritter frühling e.V., Karl-Marx Str. 131, Neukölln, Tel. 61 20 34 32 (Elke Müller).
Foto: Elke Müller
Foto: Texte und Kostüme für das Theaterstück stammen von den Senioren.
- Datum: 01.10.2004
- Ressort: Lokales
- Autor: Dirk Risse
- Seite: 23